Dunkelheit und warum wir sie so dringend brauchen

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Die Dunkelheit ist in unserer Zeit nicht sehr beliebt, aber wie gut, wir können ja das Licht aufdrehen.  Viele stöhnen, dass sie diese Zeit des Jahres schwer aushalten, zu schlechter Stimmung und Lustlosigkeit neigen und es deswegen kaum erwarten können, dass es wieder Frühling wird. Sie versuchen, der Dunkelheit auszuweichen und landen gerade darüber oft in Depression und Erschöpfung.

Aber: Ist es denn wirklich nicht gut, wenn der Tag früh endet und es manchmal scheinbar gar nicht richtig hell wird? Das möchte ich hier hinterfragen und nachspüren, wozu wir auch die Dunkelheit dringend brauchen.

In unserer Gesellschaft wird Leistung groß geschrieben, der Intellekt und die Wissenschaft entscheiden über die „Wahrheit“ und außerdem sollen wir möglichst immer positiv gestimmt sein. Dabei kommen einige Dinge zu kurz, die für uns Menschen und wohl noch mehr für uns Frauen von großer Bedeutung sind. Die Dunkelheit ist die Zeit des Rückzugs von der Welt, die Zeit der Gefühle und der Reflexion. In dieser Zeit entstehen Visionen, Träume und eine ganz besondere Nähe zu den Menschen, die uns wirklich wichtig sind. Es ist die Zeit des Abstieges in die Unterwelt, bei dem wir wie die Göttin Inanna alle äußeren Zeichen unserer Identität ablegen, unsere Masken fallen lassen und mit unserem nackten, wahren Sein konfrontiert sind. Dort treffen wir unsere lang verdrängte Wut, die tiefe Trauer, der wir uns noch nicht genug gestellt haben und unsere wahren, tiefen Alpträume. Wer mag da schon freiwillig hingehen!?

Doch, du glaubst es jetzt vielleicht nicht leicht, ich liebe die Dunkelheit von ganzem Herzen. Über viele tiefe Prozesse habe ich die Erfahrung gemacht, dass mich all diese tiefen Themen sowieso einholen und außerdem hinter der Dunkelheit meine größten Schätze auf mich warten. Und ich weiß, ich habe es schon so oft geschafft, mir selbst zu begegnen, meinen Schmerz auszuhalten und zu schlottern, zu brüllen, verzweifelt zu wimmern und zu glauben, nun ist alles aus.

Danach, ganz langsam, wird es wieder heller, zuerst nur ein ganz schmaler Streifen am Horizont, dann immer kräftiger und schließlich in gleißender Pracht. Diese Erfahrung prägt sich ein und das Vertrauen wächst, ja auch diese Nacht geht vorbei, auch diesmal werde ich ein kleines Stück heiler und ganzer daraus hervorgehen. Und schau, was ich diesmal Wunderbares mitbringen konnte!

So habe ich auch die große Fräude daran entwickelt, Menschen durch ihre dunklen Täler zu begleiten, ihnen Mut zu machen und sie daran zu erinnern, dass das Licht wieder kommt. Denn auch das weiß ich aus jahrelanger Erfahrung: Es gibt nichts, was so gut durch die Dunkelheit begleitet, wie eine liebevolle Hand oder ein bestärkender Blick.

Als Frau erleben wir das zu jeder Blutungszeit, als Menschen in der Reise durch die Jahreszeiten, im Rhythmus von Tag und Nacht, in der Veränderung des Mondes, in jedem unserer Atemzüge und schließlich im Annehmen unseres eigenen Todes. All diese Dunkelheiten immer wieder bewusst zu leben und daran zu reifen, vertieft unsere Persönlichkeit, stärkt unser Vertrauen ins Leben und auch unsere Fähigkeit, anderen beizustehen.

Nimm dir Zeit für die Dunkelheit!